Anti-Atomstrom-Demo und was man daraus lernen kann

Vergangenen Samstag fand in Berlin nach einem einwöchigen Anti-Atom-Treck die abschliessende Demonstration statt. Um die 50.000 Teilnehmer aus verschiedensten Parteien sowie Parteilose versammelten sich, um gegen die Fortsetzung der Stromgewinnung aus Atomenergie zu protestieren. Für mich war es nach mehreren Jahren die erste Demonstration. Die Eindrücke waren vielfältig. Etwa 300 zum Teil sehr originelle Trecker führten den Zug an.

Am Kreativsten und Zutreffendsten war meines Erachtens ein Anhänger, Lkw-lang, auf dem zwischen gelben Atomtonnen menschengroße Kunstschweine mit Frack und Hut stelzten und ihre parteifarbenen Fähnchen durch die Luft schwenkten. An der Seite des Anhängers stand darunter der Slogan: Der Trog ist immer der selbe, auch wenn die Schweine wechseln.

Interessant war daran, dass neben Schwarz, Gelb und Rot auch Grün als Fahnenfarbe vertreten war. Der Zug der erfolgreich die Berliner Innenstadt um die Friedrichsstraße lahmlegte schien zumindest soviel Aufmerksamkeit erregt zu haben, dass der eine oder andere Passant ein Fragezeichen im Gesicht trug- hinter dem sich hoffentlich die Frage „ Warum demonstrieren so viele gegen die Atomkraft, vielleicht haben die ja recht?“ befand.  Sollte ich mit diesem Eindruck recht behalten haben, hätte sich die Demonstration gelohnt. Vielleicht hat sie sich aber auch aus anderen Gründen gelohnt. Es war eine der grössten Aktionen die seit längerem stattgefunden haben und immerhin reichte es auch für den Sprung in die Tagesschau. Hoffen kann man da sicherlich auf mehrere Millionen Zuschauer.
Und so komme ich nach vielen demonstrationslosen Jahren zu dem Ergebnis, dass es doch etwas bringen kann, klassisch auf die Straße zu gehen. Die Einstellung, dass es den Politikern sowieso herzlich egal ist, wer weswegen Schilder durchs Stadtbild trägt und man vermutlich wenn man etwas bewirken will schon zu härteren Bandagen greifen müsste, ist abgelöst von der Feststellung das Politik ein Geschäft der schönen Worte und der Darstellung ist, es also nichts schlimmeres für einen Politiker oder eine Partei gibt als eine öffentlich greifender Zweifel der zu Ansehensabfall führt. Besonders im Wahlkampf. Je größer eine Demo, desto höher die Wahrscheinlichkeit, genau dies zu erreichen. Wichtig ist dabei meines Erachtens auch, dass man konsequent ein Ziel verfolgt. An dieser Stelle möchte ich den musikalischen Auftritt der Ohrbooten kritisieren, denen dies leider nicht gelungen ist, da sie am Ende ihres Auftritts in einer Liedzeile sinngemäß sangen: Ich konsumiere gerne weiter Cannabis.

Wie soll man politisch ernstgenommen werden, wenn statt eines konkreten Themas immer gleich ein riesiger Cluster „verwandter Themen“ mit übermittelt wird? Die mit dem eigentlichen Thema oftmals nicht nur nichts zu tun haben sondern die Glaubhaftigkeit des eigentlichen Anliegens oftmals deutlich mindert. Ein Teil der erreichten Aufmerksamkeit wird dann dadurch schlicht „versaut“, weil die Leute, die aufmerksam wurden durch solche Entgleisungen schnell folgenden Eindruck gewinnen: „Aha, hab ich mir doch gedacht, dass die nur wieder ihre politische Gesamtanschauung durchdrücken wollen, das Thema diente nur als Vorreiter und brauch in der Konsequenz für sich stehend überhaupt nicht beachtet zu werden.“ Verstärkt wird dieser Effekt, wenn die zuletzt genannten „Zusätze“ dem Klischee des demonstrierenden Klientels entspricht. In diesem Falle: Ach, die Linken wieder, Sex Drugs und Rock n Roll, 68er, übervorsichtige Spinner die für ein bisschen Dope alles tun. Und schwupp wird das Thema abgestossen und schnell übersehen, dass Themen wie diese ALLE etwas angehen und unabhängig von der genauen politischen Richtung. Ob links, rechts oder Mitte- der saure Regen geht auf alle nieder.

This entry was posted on Mittwoch, September 9th, 2009 at 15:57 and is filed under Blog. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

One Response to “Anti-Atomstrom-Demo und was man daraus lernen kann”

  1. paf said:

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