Psychochirurgie
Hektisch schlug sie das Buch zu.
Es war fast abzusehen, dass die Literatur sie nicht weiterbringen würde, ihre letzte Hoffnung blieb also Dr. Hamika in Japan. Möglicherweise würden seine Methoden sie bei ihrem Patienten weiterbringen, ihr zum entscheidenen Durchbruch verhelfen.. Seit zwölf Jahren arbeitete sie bereits auf der Psychochirurgischen Station des Milgram- Klinikums, zehn Jahre Studium waren vorausgegangen. Regelstudienzeit.
Bei ihrem jetzigen Klienten handelte es sich um einen 50 jährigen Mann, der in seinem sozialen Umfeld wegen heftiger Wutausbrüche ernstzunehmende Schwierigkeiten hatte.
Sein Leben war bisher glücklich und reibungslos verlaufen, frühe Ehe, solider Beruf, einige Kinder- ein ruhiger und liebevoller Vater, Ehemann und Kollege.
Die medizinischen Untersuchungen zeigten keine nennenswerten Störungen an, einzig in dem Bereich des Gehirns, in dem sich die Regulation des Temperaments befand, liessen sich einige Zellveränderungen nachweisen. Die Ursache war nicht eindeutig festzustellen, ein entstehender Tumor hätte die Ursache sein können, dies hatte man aber mit einer Präventionschemotherapie natürlich längst ausgeschlossen. Ebenso denkbar war eine Veränderung aufgrund einer lange zurückliegenden traumatischen Erfahrung.
Psychotherapien galten als aussterbendes Behandlungsverfahren, stattdessen versuchte man die Leiden der Patienten durch ein- zwei chirurgische Eingriffe zu heilen.
Eine beliebte Methode war dabei das Auffinden und Entfernen von Bereichen, in denen traumatische oder prägendene Erinnerungen gespeichert werden. Wenn kein ganzes Areal befallen war, entnahm man aus dem Areal eine Zelle, klonte sie in entsprechender Zahl, entfernte das belastete Hirnmaterial und ersetzte es durch das neuggebildete.
Die Nachteile dieser Methode wurden von den Vorteilen weit überboten, was war schon der Verlust einiger angrenzender Erinnerungen, wenn die schweren Traumafolgen somit geheilt werden konnten? Die Zellen wurden in 90 % aller Fälle vom Gehirn angenommen, wuchsen an und speicherten nach kurzer Zeit neue Gedächtnisinhalte. Somit waren sie voll funktionstüchtig und selbst der Patient verspürte keinerlei Leiden, er wusste ja nicht einmal mehr, dass es dort diese Erinnerung gegeben hatte.
In diesem Fall jedoch lag die Sache komplizierter. Eine traumatische Erfahrung konnte nicht als Ursache festgestellt bzw. lokalisiert werden. Die Gehirnveränderung befand sich in den Zellstrukturen, die das Temperament regulierten. Verschiedene Persönlichkeitsbereiche konnte man bereits effektiv einstellen, wer es sich leisten konnte, konnte einen Großteil seiner Persönlichkeit ganz nach Wunsch korrigieren lassen. Theoretisch war fast alles möglich. Veränderung des Ordnungsverhaltens, Erhöhung der generellen Willenskraft, Verminderung von Übermempfindlichkeit, ggf Erhöhung des Einfühlungsvermögens.
Kritiker sprachen bereits von „seelischen Schönheitsoperationen“.
Manchmal gestattete sie sich, darüber nachzudenken, ob an diesen Bezeichnungen und Einwänden nicht etwas dran war. Letzten Endes jedoch kam sie fast immer zu dem Schluß,
dass die Menschen selber wissen müssten, was sie tun. Über physische Schönheitsoperationen wurde früher auch heftig diskutiert, mittlerweile konnte jeder entscheiden, was er wollte und die Skeptiker waren verstummt. Hier würde es nicht anders sein.
Ihre Gedanken kehrten zurück zu ihrem Patienten. Konnte es ihr gelingen seine Wutanfälle mittels einer Operation dauerhaft in den Griff zu bekommen, ohne andere Persönlichkeitsbereiche zu verändern? Einen solchen Eingriff hatte es in der Tat noch nicht gegeben. Bekannt war bisher, wie man ein dauerhaft ruhiges, zu ruhiges Gemüt ein wenig mehr in Schwung bringen konnte. Man implantierte sogenannte „Speed-Zellen“, die die Reizweiterleitung verstärkten und somit auch die physische und psychische Erregbarkeit des Klienten. Davon genügten bereits einige Zellen, die in das gesamte Areal eingebracht wurden.
Die Unterdrückung eines beständigen explosiven Temperamentes war analog ebenfalls möglich. Dämpfende Zellen wurden implantiert, der Effekt war derselbe.
In diesem Fall jedoch waren alle Zellen des Areals dual geprägt- überwiegend setzte sich das ruhige Temperament durch, unvorhersehbar jedoch wechselten alle Zellen schlagartig in andere die Funktion was zu einem heftigen unkontrollierbaren Wutanfall führte. Der Mann gefährdete in solchen Momenten sich und seine Umgebung stark.
Dr. Hamika hatte seit geraumer Zeit an Ratten entsprechende Forschungen durchgeführt, in denen den Zellen des Areals ein mechanischer Regler eingesetzt wurde,ähnlich einem Herzschrittmacher, der die radikalen Polungs- und somit Temperamentsumschwünge verhindern konnte. Die Problematik bestand jedoch darin, dass diese Art der Mikrochirurgie Mensch und Technik an ihre Grenzen trieb.
Während die Zellen sich im Schädel des Patienten befanden konnte man diese Operation keinesfalls ausführen. Das Einsetzen der Regler würde bei einem 4 köpfigen Team dennoch 10 Tage dauern. Das Gewebe musste also zunächst entfernt und ausserhalb des Körpers präpariert weren. Es in dieser Zeit am Leben zu halten war schwierig, aber machbar- viel komplizierter war die Wiedereingliederung des gesamten Areals. Jede Randzelle musste mit den anschliessenden Arealen verbunden werden- in einer angemessenen Zeit. Mehr als 3 Tage konnte man eine solche Operation nicht in die Länge ziehen. Aus diesen Gründen hatte man einen solch komplexen und gefährlichen Eingriff bei einem Menschen noch nie gewagt.
Sollte es jedoch gelingen….ein starkes Schwindelgefühl erfasste sie.
Das fehlende Puzzleteil. Extreme einer Persönlichkeitseigenschaft konnte man regulieren…Zellenareale konnte man ersetzen. Aber dualfunktionale Zellen mittels Microchirurgie ausserhalb des Organismus operieren und nach mehrtägiger Behandlung wieder in das Gehirn einpflanzen- ein Wunder. Und sie würde es vollbringen. Der japanische Professor würde ihr in wenigen Tagen anhand der Ratten das Verfahren demonstrieren.
Derweil würden ihre Kollegen eine Zelllandkarte der Randzellen der Anschlussareale erstellen und die notwendigen Tests durchführen. Danach würde die Operation durchführbar sein.
Schweissgebadet wachte sie auf. Viertel vor 3. Gegen Träume hatte man leider noch kein dauerhaftes Mittel gefunden. Unbefriedigend. Und auf seltsame Art beruhigend. Was dachte sie da? Sie? Eine der anerkanntesten Psychochirurgen der Welt konnte doch nicht damit zufrieden sein, dass es psychische Prozesse gab, die nicht veränderbar waren oder noch schlimmer, nicht einmal abschliessend erforscht waren. Die Grenzen waren das Ziel, nichts anderes. Sie mussten fallen.
Verwirrt rollte sie sich aus dem Bett hoch, streifte ihren Morgenmantel über und kochte einen Kaffee. Es wäre schön, wenn Isabelle sie besuchen käme. Versprochen hatte sie das gefühlte 30ig Mal. Isabelle, ihre Schwester, Freundin, Vertraute. 3 Jahre mochte es her sein, dass sie sich das letzte Mal gesehen hatten. 3 Jahre, in denen sich die Zeit selbst überholt hatte, ihren eigenen Bezugsrahmen verlassen hatte.Wie eine Schlange, die ihre Haut abstreift.
Mit dem Kaffee in der Hand schlurfte sie zum Briefkasten, nach 3 Tagen kam sie endlich dazu- mitten in der Nacht. Einige Abrechnungen, Werbeprospekte und ein orangener Brief mit einem amtlichen Stempel. Erstaunt zog sie die Augenbraue hoch, stellte ihren Kaffee auf dem Flurtisch ab und öffnete schnell diesen amtlichen Brief:
“ Verehrte Dr. Tomim,
im Zuge unserer Suche nach fähigen Ärzten und Chirurgen stiessen wir auf Ihren Namen.
Man teilte uns mit, sie seien eine der renommiertesten Psychochirurgen unseres Landes.
Seit 3 Jahren erforschen wir im Auftrag der Regierung die Möglichkeiten, unsere Soldaten nach genormten psychischen Profilen auszubilden. Desweiteren arbeiten wir an einem System, mit dem uns die mentale Steuerung anderer Menschen ermöglicht wird. Die immensen militärischen Vorteile liegen auf der Hand. Gerne würden wir Ihnen bei einem Treffen mehr mitteilen und laden sie hiermit herzlich ein, unserer Projektgruppe einen Besuch zu Teil werden zu lassen.
Hochachtungsvoll… „
Erschüttert liess sie den Brief sinken. Gedankenkontrolle. Danach forschte man seit geraumer Zeit. Noch einige Jahre und es würde funktionieren. Und nun bat man sie um ihre Mithilfe.
Weder vor noch während ihres Studiums hatte sie sich Gedanken über die ethischen Aspekte ihres Berufes gemacht. Der Fortschritt hatte sie interessiert, die Möglichkeit, Menschen zu helfen. Das Wunderwerk Gehirn, das grosse unlösbare menschliche Geheimnis seit der Existenz der Menschheit. Die andere Seite, welcher Schaden mit diesem Wissen entstehen könnte, hatte sie nachhaltig verdrängt. Ein weiterer bisher unerklärlicher psychischer Prozess. Die Frage, ob der Mensch eine „Seele“ hatte, stellte man trotz einiger bisher unerklärter Befunde seit ca. 30 Jahren nicht mehr. Nur eine Frage der Zeit. Alles war die geschickte, über Jahrtausende entstandene Vernetzung verschiedener Nervenzellen.Folglich brauchte man keine Skrupel haben, die Seele genauso zu behandeln wie man den Körper behandelte. Die Seele war Körper, nichts als Körper.